Medizinalcannabis bei Migräne? Neue Wege in der Schmerztherapie

Erstellt am:21.06.2025- Zuletzt aktualisiert:23.07.2025

Migräne zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen weltweit. In Deutschland leiden schätzungsweise 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung darunter, Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer.1 Die Symptome reichen von starken, meist einseitigen Kopfschmerzen über Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit bis hin zu Sehstörungen und neurologischen Ausfällen.2 Viele Betroffene berichten von einer massiven Einschränkung der Lebensqualität – im Beruf, im Alltag und im Familienleben. Trotz zahlreicher verfügbarer Medikamente bleibt Migräne für viele Patient:innen schwer behandelbar. Immer mehr Menschen suchen daher nach alternativen, besser verträglichen Therapien.

Erfahrener Arzt sitzt in heller Praxis, spricht ruhig mit einer Patientin über Medizinalcannabis bei Migräne.

Diese ExpertInnen wurden für diesen Beitrag interviewed

  • Probleme klassischer Therapie: Konventionelle Migränemedikamente oft unzureichend wirksam, erhebliche Nebenwirkungen bei Opioiden (Abhängigkeit, Atemdepression) und chemischen Schmerzmitteln (Organschäden)
  • Cannabis als uralte Heilpflanze: Jahrtausendealte Anwendung bei Kopfschmerzen, wirkt über Endocannabinoid-System, das bei Migränepatienten oft dysreguliert ist
  • Überlegene Sicherheit: Keine Organtoxizität, geringes Abhängigkeitsrisiko, keine tödlichen Überdosierungen möglich, wenige Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
  • Praktische Anwendung: Verschiedene Darreichungsformen (Inhalation für Akutbehandlung, Öle für Prophylaxe), individuelle Dosierung mit Schmerztagebuch-Dokumentation
  • Ganzheitliche Verbesserung: Nicht nur Schmerzlinderung, sondern auch besserer Schlaf, Stimmungsstabilisierung und Durchbrechung des Teufelskreises aus Angst und Isolation
  • Medikamentenreduktion: Erfolgreiche Reduktion oder komplettes Absetzen von Opioiden und chemischen Schmerzmitteln bei vielen Patienten möglich
  • Aufklärungsbedarf: Notwendigkeit der Überwindung von Vorurteilen und mehr ärztlicher Fortbildung für breiteren therapeutischen Einsatz in der modernen Migränetherapie

Mein Name ist Prof. Dr. Sven Gottschling. Ich bin hier am Zentrum für all das Übergreifende Palliativmedizin Kinder Schmerztherapie an Uniklinikum des Saarlandes in Homburg darf diesen Bereich leiten. Ich bin von Haus aus eigentlich Kinderarzt, war die ersten zehn Jahre meines Berufslebens Kinder Onkologe und mache jetzt seit 2010 Schmerzmedizin, Palliativmedizin, Komplementärmedizin. Also das heißt viel Akupunktur, andere Geschichten und bin aber von Minute eins an als Arzt im Bereich Cannabis basierter Arzneimitteltherapie tätig und ich das schon sehr früh in der Kinderonkologie kennengelernt habe.

Den Einsatz als Medikament gegen Übelkeit oder auch gegen ungewollten Gewichtsverlust bei Kindern mit Krebserkrankungen. Also ich habe tatsächlich als ganz, ganz, ganz junger Arzt in meiner ersten Berufswoche in der Kinderonkologie zwei Patienten mit betreut, die von den ganz erfahrenen Kollegen und meinem damaligen Chef mit THC behandelt wurden. Bei nicht stillbarer Übelkeit und einer sehr aggressiven Chemotherapie. Das war ein Kind und das andere Kind hatte einen dramatischen Gewichtsverlust.

Und es war damals schon klar, dass das prognostisch hinsichtlich der Überleben swahrscheinlichkeit eine Rolle spielt, dass wir irgendwie noch mal ein paar Kilo an dieses arme Kind dran bekommen und auch da habe ich den Einsatz von THC zur Appetitssteigerung erlebt und hab einfach total früh super positive Effekte gesehen und hatte eigentlich direkt auch einen Zugang zu Cannabinoiden und bin da auch sehr früh in sehr vorurteilsarm bis vorurteilsfrei an das Thema dran.

Ich finde es super wesentlich, dass man auf jeden Fall differenziert zwischen Cannabinoiden im medizinischen Einsatz und Cannabis als Freizeit Rauschmittel. Das ist genauso unterschiedlich wie Morphin als Schmerzmittel und Heroin als Droge. Und gerade beim Thema Cannabis finden hier einfach unglaublich viele Vermischungen statt. Es wird nicht klar differenziert zwischen Freizeitanwendungen, Genussmittel, Rauschmittel und medizinischem Einsatz. Und es ist glaube ich auch vielen Kollegen weiterhin nicht so wirklich bewusst, welchen Stellenwert Cannabinoide in der echten medizinischen Versorgung bei Menschen mit gravierenden Problemen hat.

Beim Morphin ist das jedem klar, dass das unverzichtbar ist. Bei Cannabis müssen wir hier noch ein bisschen mehr Aufklärungsarbeit leisten. Und ich würde mir schon wünschen, dass die Kollegen verstehen, dass wir hierfür eine ganze Reihe belastender Symptome, eine exzellente zusätzliche Behandlungsoption haben, die gut verträglich ist, die nebenwirkungsarm ist und die auch wenig Interaktionsrisiko mit anderen Medikamenten bietet und die bis heute noch keinen einzigen Todesfall jemals und weltweit verursacht hat.

Also von dem her darf man auch mit einem sehr sicheren Gefühl an das Thema herangehen. Also ich erkläre Patienten immer, dass Cannab inoide zu den wenigen Substanzen gehören, die auch in einer Langzeitanwendung keinerlei Organ toxizität mit sich bringen. Das heißt, selbst wenn ich das über Jahre Jahrzehnte nehme, gehen mir die Nieren nicht kaputt, die Leber bleibt heil, das Herz nimmt keinen Schaden.

Das finde ich schon ein ganz, ganz wesentliches Argument. Das Thema Es handelt sich um eine sichere, Rezeptor vermittelte Wirkung, die ein körpereigenes System bedient. Ich erkläre den Menschen, dass wir diese Stoffe in uns selber tragen, dass das Rezeptorsystem ja im menschlichen Körper existiert und das existiert ja nicht ohne Grund. Und dass wir einfach Situationen haben, wo wir von außen eine Dosis zuführen müssen, die der Körper so selber in der Höhe nicht produzieren kann.

Aber dass wir eine körpereigene Wirkung imitieren und dass wir jetzt nicht mit irgendeiner wildfremden Substanz in einen, in ein Gefüge hineingrätschen, wie wir es ja mit vielen anderen Medikamenten machen und ganz großen Haufen von Nebenwirkungen quasi noch mit dazu zum Patienten tragen. Und ich glaube, diese Botschaft kommt bei vielen Patienten auch an andere Thematik ist ja immer Abhängigkeit, also werde ich davon abhängig oder süchtig.

Und auch das kann man Patienten ganz klar erklären, dass dieses Thema körperliche Abhängigkeit im Sinne von Gewöhnung bei Cannabinoiden in der Regel überhaupt kein Thema ist. Ich kann auch nach einer längeren Anwendung die abrupt absetzen, ohne dass die Patienten in der Entzugsymptomatik kommen. Und diese psychische Abhängigkeit im Sinne von Das war so super, das will ich wiederhaben. Dieses Risiko ist bei oraler Cannabinoide Gabe auch bei faktisch Null.

Also von dem her sind das total sichere Substanzen. Und meine Erfahrung ist, wenn man mit Patienten darüber offen redet, das sofort auf den Tisch legt, also auch wirklich proaktiv mögliche Ressentiments anspricht, kann man die super schnell ausräumen. Und ich habe eigentlich überhaupt keine Schwierigkeiten. Patienten eine cannabinoide Therapie, wenn ich es denn medizinisch für sinnvoll erachte, auch schmackhaft zu machen.

Wir haben ja viele Menschen, die unter gravierenden körperlichen Symptomen leiden. Alle körperlichen Beschwerden führen zu einer Grundproblematik. Also wenn es mir permanent schlecht ist, wenn ich Schmerzen habe, wenn ich Luftnot habe, wenn ich andere Belastungen habe, dann ist meine Lebensqualität reduziert bis miserabel. Und von dem Wir müssen alle unsere Bestrebungen immer ein Ziel haben Zum einen die Symptome zu reduzieren, aber das große, übergeordnete Ziel ist immer eine Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität.

Und das hat ganz viel auch mit Entspannungsfähigkeit, mit Schlafqualität, mit weniger Angst zu tun. Und dadurch, dass Cannabinoide unsere körpereigenen wieder Aufladen und Stabilisation Systeme stützen, haben die da auch so eine übergeordnete Rolle, dass sich Menschen auch wirklich besser fühlen unter der Einnahme von Cannabinoiden? Zum einen verbessert die Symptome und zum anderen macht das auch so ein grundsätzliches ich nenne es mal Wohlgefühl oder einfach auch eine Reduktion von Unwohlgefühl, auch im Sinne von schlechte Stimmung.

Und das ist für unsere Patienten total bedeutsam. Oftmals merken es die Patienten gar nicht und ich hole mir immer gerne auch den Partner dazu zu solchen Gesprächen. Und ich erlebt es nicht oft, dass ein Patient vor mir sitzt und sagt Ich habe aber immer noch Schmerzen und dann grätscht der Partner rein, sagt Ja, aber du schläfst besser, du bist besser drauf.

Wir sind abends noch mal weggegangen, du konntest bestimmte Sachen noch mal genießen. Also oft ist auch dieser Blick nahe Angehöriger oder Zugehöriger total wichtig und rückt das Ganze so noch mal in ein richtiges Licht. Und da erlebe ich einfach eine extrem gute Wirk effektivität der Cannabinoide. Also ich würde immer noch gerne differenzieren zwischen Cannabis als Medikament für schwerkranke Menschen und Cannabis als Genussmittel, Rauschdroge oder auch als Möglichkeit für weniger schwerkranke Menschen, sich bei gesundheitsbezogenen Störungen selber zu helfen.

Für die schwerstkranken Patienten bin ich der Meinung, sollte das weiterhin ärztlich induziert gesteuert werden. Die haben so viele Probleme, so viele andere Medikamente. Das muss jemand mit Erfahrung im Blick haben und die Behandlung steuern. Und in meinen Augen muss das auch weiterhin ganz klar vonseiten der Krankenkassen bezahlt werden, weil das sind Menschen, die sich nicht ausgesucht haben, dass sie diese gravierenden Probleme haben.

Und von dem her fände ich es nicht fair und auch keine gute Idee zu sagen So, jetzt ist es legal, besorgst du da irgendwo für dein Geld? Denn diese Menschen brauchen ja eine medizinische Führung und Beratung hat eins und die meisten Schwerkranken und Langzeitkranken zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Und die haben ja ein echtes medizinisches Problem.

Und von dem her finde ich es auch total in Ordnung, dass auch die Gemeinschaft der Beitragszahler für diese speziellen Patienten auch für die Kosten aufkommt. War nie derjenige, der gesagt hat, wir müssen jetzt unbedingt legalisieren, sondern ich sehe das durchaus differenziert und kritisch. Ich bin auch kein Freund davon zu sagen, ab 18, weil mir diese gesundheitlichen Risiken auch bei den Heranwachsenden dann sage ich mal so bis 21 durchaus, da zu sehr aus dem Blick geraten.

Also wenn ich da Verantwortung tragen würde, würde ich definitiv sagen, das sollte also THC haltige Cannabinoide sollten für Menschen vor dem 21. Lebensjahr tabu sein. Man sollte sehr deutlich darüber aufklären, was das für Risiken beinhaltet und wir müssen sehr, sehr viel mehr noch in Prävention, in Aufklärung und Jugendschutz hineingehen. Einfach auch, um Jugendliche und junge Erwachsene vor den möglichen Risiken definitiv zu warnen.

Andererseits muss man sagen Die ja Jahrzehnte bisher schon fast jahrhundertelange Prohibition Prohibitionspolitik ist ja krachend gescheitert und wir sind uns glaube ich auch alle einig, dass in Summe der Risiken. Wenn man das mal betrachtet, dann ist Cannabis vom Risikoprofil her ein schlechter Witz im Vergleich zu Alkohol und Nikotin. Klar kommt immer das Argument Ja, aber die Volksdrogen haben wir ja schon legal.

Auf dem Markt brauchen wir dann noch eine dritte. Aber wie gesagt, wenn ich das einfach mal in den Kontext setze, dann ist das die harmloseste derer drei. Und von dem her bin ich schon auch der Meinung, dass ein anderer und auch etwas entspanntere Umgang auch mit einer dann vielleicht kommenden Legalisierung keine so ganz schlechte Idee ist. Also für mich ist das natürlich ein super schönes Erlebnis, auch wenn ich Menschen helfen kann.

Das heißt, wenn ich Symptome lindern kann, wenn ich merke, es geht Menschen besser. Sie haben noch mal eine verbesserte Teilhabe am Leben. Sie können vielleicht wieder in die Schule gehen, sie können eine Ausbildung beginnen, können die vielleicht auch wirklich abschließen und schaffen auch so diesen Sprung in eine gewisse Selbstständigkeit. Und ich habe halt einfach immer das gute Gefühl dabei, dass ich hier Substanzen einsetze, die mir einfach keine Langzeitschäden bei diesen, bei diesen Menschen setzen, weil ich habe ansonsten als Mediziner ja immer so ein bisschen dieses Unwohlgefühl, irgendwas muss sich anbieten.

Aber ich habe sehr, sehr viele Behandlungsoptionen, wo ich weiß, das geht mit gravierenden Nebenwirkungen einher. Wenn jemand fünf oder zehn Jahre die Substanz nimmt, dann wird das oder das mit einer hohen Wahrscheinlichkeit passieren. Also da schwingt immer so ein bisschen dieses Gefühl mit Ja, ich helfe Menschen, aber was tue ich ihnen auf der anderen Seite vielleicht trotzdem auch an?

Und ist das in einem Verhältnis? Also wir reden ja immer von der medizinischen oder ärztlichen Indikation, Das heißt, ich muss mir immer sicher sein, dass alles, was ich medizinisch tue, für den Betroffenen einen höheren Nutzen hat und damit den möglichen Schaden übersteigt. Und da bin ich mir einfach bei keiner inoiden total sicher, dass ich hier niemand ein gravierenderes Langzeitproblem beschere.

Und von dem her geht das bei mir mit einem richtig guten Gefühl einher.

Migräne aus ärztlicher Sicht: Herausforderungen der klassischen Therapie

Prof. Dr. Sven Gottschling, renommierter Schmerzmediziner und Palliativmediziner, leitet das Zentrum für interdisziplinäre Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes. In seiner langjährigen Praxis begegnet er regelmäßig Patient:innen mit chronischer Migräne, die auf klassische Therapien unzureichend ansprechen oder unter erheblichen Nebenwirkungen leiden.

Die konventionelle Migränetherapie basiert auf zwei Säulen: Akutmedikation zur Behandlung von Migräneattacken und Prophylaxe zur Verringerung der Anfallshäufigkeit. Zu den Akutmedikamenten zählen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Triptane.

Doch nicht alle Patient:innen profitieren von diesen Medikamenten. Prof. Dr. Gottschling betont: „Viele Migränepatient:innen erleben trotz einer konventionellen Therapie häufige und schwere Attacken. Hinzu kommen Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Gewichtszunahme, Verdauungsprobleme oder kognitive Beeinträchtigungen.“ Besonders problematisch ist der sogenannte Medikamentenübergebrauchskopfschmerz, der durch zu häufige Einnahme von Schmerzmitteln entsteht und die Migräne zusätzlich verstärken kann.

Opioide und chemische Schmerzmittel: Wirksamkeit mit Risiken

In besonders schweren Fällen greifen Ärzt:innen manchmal zu Opioiden, um Migräneschmerzen zu lindern. Doch diese Medikamente sind mit erheblichen Risiken verbunden: „Opioide können abhängig machen, führen zu starker Müdigkeit, Verstopfung und im schlimmsten Fall zu Atemdepressionen. Für die Migränetherapie sind sie deshalb nur eine Notlösung“, so Prof. Dr. Gottschling. Auch klassische chemische Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol oder Diclofenac sind nicht frei von Nebenwirkungen. Sie können bei langfristigem Gebrauch Magenprobleme, Nierenschäden oder Leberschäden verursachen.

Ein weiteres Problem: Viele Patient:innen berichten, dass die klassischen Medikamente mit der Zeit an Wirksamkeit verlieren. Die Dosierungen müssen erhöht werden, die Nebenwirkungen nehmen zu, und die Lebensqualität leidet zunehmend.

Medizinalcannabis: Ein Paradigmenwechsel in der Migränetherapie

Vor diesem Hintergrund gewinnt Medizinalcannabis als Therapieoption bei Migräne zunehmend an Bedeutung. Prof. Dr. Gottschling ist einer der erfahrensten Medizinalcannabis-Therapeuten in Deutschland und setzt Cannabinoide seit vielen Jahren erfolgreich bei Schmerzpatient:innen ein – darunter auch bei zahlreiche Migränepatient:innen.

Historie und wissenschaftlicher Hintergrund

Medizinalcannabis zählt zu den ältesten Heilpflanzen der Menschheit. Schon vor Jahrtausenden wurde es bei Kopfschmerzen und anderen Beschwerden eingesetzt. Erst im 20. Jahrhundert geriet Cannabis durch gesetzliche Restriktionen in Vergessenheit. Mit der medizinischen Legalisierung in Deutschland im Jahr 2017 ist der Zugang zu Medizinalcannabis für Patient:innen mit schwerwiegenden Erkrankungen wieder möglich.

Cannabinoide wie THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) wirken über das körpereigene Endocannabinoid-System, das unter anderem an der Regulation von Schmerz, Schlaf, Stimmung und dem Immunsystem beteiligt ist. Migränepatient:innen weisen laut aktueller Forschung häufig eine Dysregulation dieses Systems auf – ein Ansatzpunkt für die Therapie mit Medizinalcannabis.

Vorteile gegenüber chemischen Schmerzmitteln und Opioiden

Prof. Dr. Gottschling hebt mehrere Vorteile von Medizinalcannabis hervor:

  • Geringeres Nebenwirkungsprofil: Im Vergleich zu Opioiden und vielen chemischen Schmerzmitteln verursacht Cannabis deutlich weniger schwerwiegende Nebenwirkungen. „Cannabinoide sind gut verträglich, machen nicht abhängig wie Opioide und führen auch bei Langzeitanwendung nicht zu Organschäden“, erklärt Prof. Gottschling.
  • Keine Organtoxizität: Selbst bei jahrelanger Anwendung schädigt Medizinalcannabis weder Leber noch Nieren oder Herz.
  • Geringes Interaktionsrisiko: Cannabis zeigt kaum Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten – ein wichtiger Vorteil für Patient:innen, die bereits viele Präparate einnehmen.
  • Individuelle Dosierung: Die Therapie kann flexibel an die Bedürfnisse und die Lebenssituation der Patient:innen angepasst werden.
  • Positive Effekte auf Begleitsymptome: Neben der Schmerzlinderung berichten viele Migränepatient:innen über Verbesserungen bei Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Appetitlosigkeit.

Erfahrungsberichte aus der Praxis

In seiner täglichen Arbeit erlebt Prof. Dr. Gottschling zahlreiche Beispiele, wie Medizinalcannabis das Leben von Migränepatient:innen nachhaltig verbessert. Ein Patient, der zuvor regelmäßig Opioide einnehmen musste, konnte nach der Umstellung auf Medizinalcannabispräparate die klassischen Schmerzmittel vollständig absetzen. Die Zahl und Intensität der Migräneattacken gingen deutlich zurück, die Lebensqualität stieg spürbar.

Eine andere Patientin, bei der sämtliche prophylaktischen Medikamente keine Wirkung zeigten, profitierte besonders von der entspannenden und schlaffördernden Wirkung von Medizinalcannabis. „Viele Migränepatient:innen berichten, dass sie endlich wieder durchschlafen können und sich morgens erholt fühlen – ein enormer Fortschritt nach Jahren der Schlaflosigkeit und Erschöpfung“, so Prof. Gottschling.

Wissenschaftliche Studien und aktuelle Evidenz

Die wissenschaftliche Datenlage zu Medizinalcannabis bei Migräne wächst stetig. Studien zeigen, dass Cannabinoide sowohl die Häufigkeit als auch die Intensität von Migräneattacken reduzieren können. Darüber hinaus konnten die Migräne-assoziierte Übelkeit und Erbrechen reduziert werden.3

Ein wichtiger Aspekt: Medizinalcannabis wirkt nicht nur schmerzlindernd, sondern beeinflusst auch die neurobiologischen Prozesse, die bei Migräne eine Rolle spielen – etwa die Regulation von Neurotransmittern, die Hemmung entzündlicher Prozesse und die Stabilisierung des Schlaf-Wach-Rhythmus.4

Praktische Umsetzung: So läuft die Cannabistherapie bei Migräne ab

Ärztliche Aufklärung und individuelle Therapieplanung

Die Entscheidung für eine Cannabistherapie trifft Prof. Dr. Gottschling immer gemeinsam mit den Patient:innen. Im ausführlichen Erstgespräch werden die Krankengeschichte, bisherige Therapieversuche, aktuelle Beschwerden und individuelle Lebensumstände besprochen. „Es ist wichtig, realistische Erwartungen zu vermitteln und die Therapie eng zu begleiten“, betont Prof. Gottschling.

Die Auswahl der geeigneten Cannabispräparate (Blüten, Extrakte, Öle) und die Dosierung erfolgen individuell. Meist wird mit einer niedrigen Dosis begonnen, die langsam gesteigert und regelmäßig angepasst wird. Die Patient:innen führen ein Schmerztagebuch, um Wirkung und mögliche Nebenwirkungen genau zu dokumentieren.

Einnahmeformen und Alltagstauglichkeit

Medizinalcannabis steht in verschiedenen Darreichungsformen zur Verfügung:

  • Inhalation (Verdampfer): Wirkt schnell, eignet sich besonders zur Akutbehandlung von Migräneattacken.
  • Öle und Tropfen: Ideal für die Prophylaxe und zur langfristigen Stabilisierung.
  • Kapseln und andere Formen: Für Patient:innen, die eine diskrete und einfache Einnahme bevorzugen.

Prof. Dr. Gottschling empfiehlt, die Therapie immer unter ärztlicher Kontrolle zu beginnen und regelmäßig Rücksprache zu halten. Die meisten Patient:innen berichten, dass sie nach einer kurzen Eingewöhnungsphase ihre individuelle Dosis gut kennen und im Alltag sicher anwenden können.

Nebenwirkungen und Sicherheit

Im Vergleich zu chemischen Schmerzmitteln und Opioiden ist das Nebenwirkungsprofil von Medizinalcannabis günstig. Häufigste Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, leichter Schwindel oder gelegentliche Müdigkeit, die meist nach kurzer Zeit verschwinden. „Im Gegensatz zu Opioiden gibt es bei Cannabis keine Atemdepression, keine Organschäden und kein Risiko einer tödlichen Überdosierung“, betont Gottschling.

Ein weiterer Vorteil: Die Patient:innen behalten ihre kognitive Leistungsfähigkeit und können – bei verantwortungsvollem Umgang – weiterhin am Straßenverkehr teilnehmen. Voraussetzung ist die ärztliche Bescheinigung und das Einhalten der gesetzlichen Vorgaben.

Reduktion von chemischen Medikamenten und Opioiden

Ein zentrales Ziel der Medizinalcannabis-Therapie ist es, den Bedarf an klassischen Schmerzmitteln und insbesondere Opioiden deutlich zu senken. Prof. Dr. Gottschling berichtet von zahlreichen Fällen, in denen Patient:innen nach erfolgreicher Einstellung auf Medizinalcannabis ihre bisherigen Medikamente absetzen oder stark reduzieren konnten. Das Risiko von Nebenwirkungen, Abhängigkeit und Organschäden sinkt dadurch erheblich.

Ganzheitlicher Ansatz: Mehr als nur Schmerzlinderung

Migräne beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche und das soziale Leben. Viele Patient:innen leiden unter Angst vor der nächsten Attacke, sozialer Isolation und depressiven Verstimmungen. Medizinalcannabis kann dazu beitragen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen: Weniger Schmerzen, besserer Schlaf und mehr Energie führen zu einer spürbaren Verbesserung der Lebensqualität.

Prof. Dr. Gottschling betont: „Medizinalcannabis ist kein Wundermittel, aber für viele Migränepatient:innen eine echte Chance. Entscheidend ist die individuelle Einstellung der Therapie und die enge ärztliche Begleitung.“

Überwindung von Vorurteilen und Unsicherheiten

Trotz der positiven Erfahrungen gibt es in Deutschland weiterhin Vorbehalte gegenüber Medizinalcannabis – sowohl bei Patient:innen als auch im Gesundheitswesen. „Viele Menschen verbinden Cannabis nach wie vor mit illegalem Drogenkonsum. Dabei ist der medizinische Einsatz klar geregelt und sicher“, so Prof. Gottschling.

Er plädiert für mehr Aufklärung und einen offenen Umgang mit dem Thema. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse weisen darauf hin, dass Cannabinoide eine wertvolle Ergänzung im Therapiearsenal gegen Migräne darstellen – insbesondere für Patient:innen, die unter den Nebenwirkungen klassischer Medikamente leiden oder keine ausreichende Wirkung erzielen.

Rechtliche Aspekte und Fahrtauglichkeit

Ein häufiges Thema ist die Fahrtauglichkeit unter der Therapie mit Medizinalcannabis. Patient:innen mit ärztlicher Verordnung und verantwortungsvollem Umgang dürfen grundsätzlich am Straßenverkehr teilnehmen, sofern sie nicht unter akuter Wirkung stehen. Prof. Dr. Gottschling empfiehlt, stets alle relevanten Dokumente mitzuführen und sich regelmäßig ärztlich bestätigen zu lassen, dass die Therapie ordnungsgemäß erfolgt.

Ausblick: Medizinalcannabis als Baustein der modernen Migränetherapie

Die Erfahrungen aus der Praxis und die wachsende wissenschaftliche Evidenz zeigen: Medizinalcannabis ist eine sichere, gut verträgliche und effektive Option für viele Migränepatient:innen – insbesondere dann, wenn klassische Medikamente versagen oder zu viele Nebenwirkungen verursachen. Die individuelle Dosierung, die geringe Organtoxizität und die positiven Effekte auf Schlaf, Stimmung und Lebensqualität sprechen für einen breiteren Einsatz im klinischen Alltag.

Prof. Dr. Gottschling wünscht sich, dass mehr Ärzt:innen und Patient:innen die Chancen der Medizinalcannabis-Therapie erkennen und nutzen.

1 M. Porst et al. Journal of Health Monitoring 2020 5(S6) DOI 10.25646/6988.2 Robert Koch-Institut, Berlin

2 https://www.wicker.de/magazin/migraene-verstehen

3 Okusanya BO, Lott BE, Ehiri J, McClelland J, Rosales C. Medical Cannabis for the Treatment of Migraine in Adults: A Review of the Evidence. Front Neurol. 2022 May 30;13:871187. doi: 10.3389/fneur.2022.871187. 

 Aviram J, Vysotski Y, Berman P, Lewitus GM, Eisenberg E, Meiri D. Migraine Frequency Decrease Following Prolonged Medical Cannabis Treatment: A Cross-Sectional Study. Brain Sci. 2020 Jun 9;10(6):360. doi: 10.3390/brainsci10060360. PMID: 32526965; PMCID: PMC7348860.

Okusanya BO, Lott BE, Ehiri J, McClelland J, Rosales C. Medical Cannabis for the Treatment of Migraine in Adults: A Review of the Evidence. Front Neurol. 2022 May 30;13:871187. doi: 10.3389/fneur.2022.871187. PMID: 35711271; PMCID: PMC9197380.

4 Lowe H, Toyang N, Steele B, Bryant J, Ngwa W. The Endocannabinoid System: A Potential Target for the Treatment of Various Diseases. Int J Mol Sci. 2021 Aug 31;22(17):9472. doi: 10.3390/ijms22179472.

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Häufig gestellte Fragen

Die Erfahrungen sind gemischt – einige Patient:innen berichten von Linderung, andere spüren keine Wirkung. Studien weisen darauf hin, dass die Migränehäufigkeit sowie der Auswirkung von Migräne auf den Alltag durch Medizinalcannabis reduziert werden kann.1,2 Allerdings sind weitere Studien sind nötig, um langfristig die Sicherheit und Wirksamkeit von Medizinalcannabis bei Migräne zu bestätigen.

1 Okusanya BO, Lott BE, Ehiri J, McClellandJ, Rosales C. Medical Cannabis for the Treatment of Migraine in Adults: AReview of the Evidence. Front Neurol. 2022 May 30;13:871187. doi:10.3389/fneur.2022.871187. PMID: 35711271; PMCID: PMC9197380.

2 Aviram J, Vysotski Y, Berman P, LewitusGM, Eisenberg E, Meiri D. Migraine Frequency Decrease Following ProlongedMedical Cannabis Treatment: A Cross-Sectional Study. Brain Sci. 2020 Jun9;10(6):360. doi: 10.3390/brainsci10060360. PMID: 32526965; PMCID: PMC7348860.

Die Studienlage ist noch begrenzt und nicht eindeutig, weshalb sich die medizinische Fachwelt uneinig ist. Es gibt einzelne Hinweise auf die Reduktion der Migränehäufigkeit, sowie die Linderung der Beschwerden, aber für eine offizielle Empfehlung werden weitere Studien benötigt.1,2

1 Okusanya BO, Lott BE, Ehiri J, McClellandJ, Rosales C. Medical Cannabis for the Treatment of Migraine in Adults: AReview of the Evidence. Front Neurol. 2022 May 30;13:871187. doi:10.3389/fneur.2022.871187. PMID: 35711271; PMCID: PMC9197380.

2 Aviram J, Vysotski Y, Berman P, LewitusGM, Eisenberg E, Meiri D. Migraine Frequency Decrease Following ProlongedMedical Cannabis Treatment: A Cross-Sectional Study. Brain Sci. 2020 Jun9;10(6):360. doi: 10.3390/brainsci10060360. PMID: 32526965; PMCID: PMC7348860.

Patient:innen berichten von weniger Nebenwirkungen mit Medizinalcannabis als durch starke Schmerzmittel. Allerdings fehlen noch Langzeitstudien zum direkten Vergleich der Risiken und Nebenwirkungen. Die Therapie mit Medizinalcannabis sollte immer ärztlich begleitet werden.

Für akute Anfälle eignet sich die Inhalation via Vaporizer wegen der schnellen Wirkung. Für die Prophylaxe werden oft Öle oder Extrakte verwendet, die länger wirken, aber langsamer anfluten.3

3 Grotenhermen F. Pharmacokinetics andpharmacodynamics of cannabinoids. Clin Pharmacokinet. 2003;42(4):327-360. doi:10.2165/00003088-200342040-00003

Neurolog:innen, Schmerztherapeut:innen oder spezialisierte Cannabis-Ärzt:innen sind oft aufgeschlossener als Hausärzt:innen. Wichtig sind umfassende Unterlagen über bisherige erfolglose Therapien, um die medizinische Notwendigkeit zu belegen.

Bringen Sie einen Migräne-Kalender, Berichte bisheriger Behandlungen und eine Liste der Medikamente, die Sie zur Therapie Ihrer Migräne bisher erhalten haben samt den möglichen Nebenwirkungen, die aufgetreten sind, mit. Diese Dokumentation hilft dem Arzt/ der Ärztin, die Notwendigkeit einer Medizinalcannabis-Therapie zu beurteilen.

Die Zurückhaltung der Ärzt:innen liegt an der noch unklaren Studienlage. Krankenkassen genehmigen eine Therapie mit Medizinalcannabis bei Migräne nur selten, weshalb Ärzt:innen eher auf etablierte Therapien setzen.

Eine Verschreibung ist möglich, aber in der Praxis schwierig. Ärzt:innen und Krankenkassen sind bei Migräne als alleiniger Indikation sehr zurückhaltend, da die Studienlage noch nicht eindeutig ist.

Eine tägliche prophylaktische Anwendung ist eine Möglichkeit, ähnlich wie bei anderen Migräne-Prophylaxe-Medikamenten. Viele Patient:innen bevorzugen jedoch den Einsatz nur bei akuten Anfällen. Die Therapie mit Medizinalcannabis sollte unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Ihr Arzt/Ihre Ärztin erstellt einen individuellen Therapieplan für Sie.

Bei Inhalation kann Cannabis binnen Minuten wirken und möglicherweise die Schmerzspitze dämpfen.4,5 Ob es eine akute Migräne komplett stoppt, ist jedoch individuell sehr unterschiedlich und nicht bei allen Patient:innen der Fall.

4 Lucas CJ, Galettis P, Schneider J. Thepharmacokinetics and the pharmacodynamics of cannabinoids. Br J Clin Pharmacol.2018 Nov;84(11):2477-2482. doi: 10.1111/bcp.13710. Epub 2018 Aug 7. PMID:30001569; PMCID: PMC6177698.

5 Romero-Sandoval EA, Kolano AL,Alvarado-Vázquez PA. Cannabis and Cannabinoids for Chronic Pain. Curr RheumatolRep. 2017 Oct 5;19(11):67. doi: 10.1007/s11926-017-0693-1. PMID: 28983880.